• slidebg1
  • slidebg1
    »Ein großer, berührender
    Frauenroman über die
    Bedeutung von Freundschaft,
    später Trauer und die Frage,
    was Wanderschuhe und das
    Leben gemeinsam haben ...«

»Gehen Sie mit Kim Wright auf eine wundervolle Reise.«
...

Erscheint am 26. Mai 2016
Die Canterbury Schwestern

Che kann es nicht fassen: Sie ist mit acht anderen Frauen auf dem Weg von London nach Canterbury. In einem Brief hat ihre exzentrische, willensstarke Mutter ihrer Tochter aufgetragen, dorthin zu pilgern und ihre Asche zu verstreuen. Außerdem hat sich gerade auch noch ihr Freund von ihr getrennt. Das Letzte, was sie jetzt gebrauchen kann, ist ein als Pilgerreise getarnter Selbstfindungstrip. In alter Pilgertradition soll jede der Frauen auf dem Weg eine Geschichte über die Liebe erzählen. Che ist skeptisch, als die Wanderinnen damit beginnen. Doch die unterschiedlichen Geschichten der Frauen berühren sie tief. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Che das Gefühl, ihren Weg zu kennen.

Reinlesen Buch kaufen

Kim Wright
Die Canterbury Schwestern
Taschenbuch
384 Seiten
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Elfriede Peschel.
€ (D) 9,99 € (A) 10,30
ISBN 9783548287867


Kim Wright
Die Canterbury Schwestern
Ungekürzte Lesung von Sabine Arnhold
2 mp3-CDs, € (D) 14,99 € (A) 16,90
ISBN 978-3-95713-038-9
Hörbuch Hamburg

Auch als Hörbuch erhältlich
Die Canterbury Schwestern

Von London nach Canterbury: 57 Meilen ungekürzte Frauenunterhaltung!

Che kann es nicht fassen: Sie ist mit acht Frauen auf dem Weg von London nach Canterbury. Ihre verstorbene Mutter, eine exzentrische und willensstarke Frau, hat Che aufgetragen, dort ihre Asche zu verstreuen. Nachdem sie auch noch ihr Freund verlassen hat, ist das Letzte, was sie braucht, ein als Pilgerreise getarnter Selbstfindungstrip. Einer alten Tradition folgend, soll jede der Frauen auf dem Weg eine Geschichte über die Liebe erzählen. Che ist skeptisch. Doch die unterschiedlichen Schilderungen berühren sie tief. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Che das Gefühl, ihren Weg zu kennen.

zum Hörbuch Hörprobe als mp3

Leseprobe

Kim Wright
The Canterbury Sisters
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Elfriede Peschel.
ISBN 9783548287867
Auch als E-Book erhältlich.

EINS

Kennen Sie das alte chinesische Sprichwort „Mögest du in interessanten Zeiten leben“? Für mich lautete die logische Entsprechung von heute schon immer: „Mögest du eine interessante Mutter haben.“ Denn von der Minute meiner Geburt an lag der Fluch der impulsiven, talentierten, politisch radikalen und sexuell experimentierfreudigen Diana de Milan auf mir.

Das „de“ war ihre Idee gewesen. „Diana Milan“ klang nicht groß genug für sie. Sie musste ihren Namen mit dieser kleinen, aber exotischen Silbe ausweiten – die Chance ergreifen, ihr Leben geräumiger und freier zu machen, damit sie in etwas hineinwachsen konnte.

Und was mich betrifft, ich heiße Che.

Ich weiß. Das ist absolut lächerlich und dabei ist es nicht mal ein Spitzname. Ich bekam ihn zu Ehren des kubanischen Revolutionärs Che Guevara am Tag nach seiner Hinrichtung durch ein bolivianisches Erschießungskommando. Meine Mutter behauptete immer, der Schock über seine Ermordung habe bei ihr die Wehen ausgelöst, aber das ist auch nur wieder ein Teil ihrer komplizierten persönlichen Mythologie. Nach Aussage meines Vaters war ich zwei Wochen über der Zeit, und die Wehen wurden eingeleitet.

Meine Geburt war das erste und das letzte Mal in meinem Leben, dass ich zu irgendwas zu spät kam. Hätte ich, wie geplant, am 24. September das Licht der Welt erblickt, wäre mir der zwar etwas süßliche, aber letztendlich doch tolerable Name „Leticia“ sicher gewesen: zu Ehren der jüngferlichen Tante, die meinen Eltern den Apfelgarten hinterlassen hatte, in dem sie ihre erste Kommune auf die Beine stellten. Aber dank meines zu langen Verweilens im Mutterleib bekam ich den Namen Che de Milan aufgedrückt, der wesentlich besser zu einer Revolutionärin als zu einer Weinkritikerin passen würde, und seitdem achtete ich immer darauf, überall zwanzig Minuten vor der Zeit zu erscheinen.

Später im Leben, als meine Mutter bereits einen Lungenflügel und meinen Vater an einen Schlaganfall verloren hatte, wurde sie religiös. Und ich meine damit nicht die mit Trommeln und Brustentblößen einhergehende Suche nach der inneren Göttin, die sie in ihrer Jugend angerufen hatte. O nein. Halbe Sachen machte Diana de Milan niemals. Als meine Mutter sich Gott zuwandte, wirbelte sie mehrmals en pointe um ihre eigene Achse und sprang dann wie eine Ballerina in die Luft. Sie kehrte ganz zurück zu ihren spirituellen Wurzeln – was an sich schon eine Ironie ist, da sie immer behauptet hatte, der Katholizismus liege wie ein Fluch auf ihr, dem sie ihr ganzes Leben lang zu entkommen versucht habe. Aber jetzt zeigten sich Flecken auf ihrer noch verbliebenen Lunge, und sie begann sich nach einer ganz speziellen Gottheit zu sehnen, den sie den „Gott meiner Kindheit“ nannte. Die letzten sieben Monate ihres Lebens verbrachte Diana in einem Pflegeheim, einem düsteren neogotischen Gebäude, das von der Kirchengemeinde ihres Wohnorts getragen wurde und Assoziationen an die Szenerie für einen Horrorfilm wachrief. Ich kann mich nicht erinnern, jemals dort gewesen zu sein, ohne dass es geregnet hätte.

Für die Nonnen und Priester, die das Heim führten, war sie eine wahrhaft verlorene, aber heimgekehrte Tochter. Es schien ihnen nichts auszumachen, dass sie für jedes liberale Anliegen, das die Welt kannte, auf die Straße gegangen war und in ihrer Jugend eine Streitschrift über die Freuden der Bisexualität verfasst hatte, die kurzzeitig für Aufruhr sorgte. Ich glaube sogar, dass man sie deshalb nur umso lieber mochte. Die netten alten Damen im Pflegeheim, Frauen, die ihr ganzes Leben für Kuchenverkäufe und Bingonachmittage in den Dienst der guten Sache gestellt hatten, wurden weitgehend ignoriert, während die sündigsten Patienten wie Berühmtheiten behandelt wurden. Jeden Morgen kam der Pfarrer und holte meine Mutter zur Messe ab, als wäre es eine Verabredung. Eigenhändig schob er sie in ihrem Rollstuhl durch den Mittelgang der Kapelle.

Als der Krebs seinen langsamen, aber unablässigen Vormarsch durch ihren Körper fortsetzte, begann Diana, von einer Wunderheilung zu phantasieren. Und war besessen von der Idee, nach Canterbury zu reisen. Sie wünschte sich, vor dem Schrein von Thomas Becket zu knien, einem Ort, dem der Ruf vorauseilte, alle möglichen Spontanheilungen zu bewirken, und der den Blinden, Lahmen und Unfruchtbaren Hoffnung machte. Selbst den Aussätzigen. Ob ich dorthin mitkommen wolle, hat sie mich nie gefragt, genauso wenig wie ich früher jemals gefragt wurde, ob ich sie auf ihren halbgaren Abenteuern begleiten wollte, aber offenbar habe ich während dieser quälenden letzten paar Monate irgendwann zugestimmt, sie dorthin zu bringen. Alles, um ihre Lebensgeister zu beflügeln, doch ich glaube, uns beiden war schon bald klar, dass sie diese Reise niemals schaffen würde. Sie verfügte kaum mehr über die Kraft, mich nach meinen Besuchen zum Aufzug zu begleiten, wie hätte sie also den holprigen Pilgerweg bewältigen können, der von London zur Kathedrale von Canterbury führte?

„Das sind etwa hundert Kilometer“, erklärte ich ihr einmal. „Daran ist im Moment nicht zu denken. Vielleicht später mal, wenn du wieder bei Kräften bist. Irgendwann klappt es schon noch.“

Ja. Das war natürlich eine krasse Lüge, aber einer Sterbenden die Wahrheit zu sagen ist schwer, und der eigenen Mutter gegenüber ehrlich zu sein ist unter allen Umständen so gut wie unmöglich. Liegt die Mutter im Sterben, potenziert sich das noch, und man betritt die überaus bizarre Welt dümmlicher Schönfärberei. Da rutschen einem, nur weil man unbedingt etwas sagen möchte, schon mal Worte heraus, von denen man glaubt, dass sie einem aus der Patsche helfen. Einmal ertappte ich mich dabei, dass ich vor ihr die Hauptstädte unserer fünfzig Bundesstaaten aufsagte – in alphabetischer Reihenfolge.

Und als ich das tat und irgendwo zwischen Denver und Dover angekommen war, drehte sie sich in ihrem Krankenhausbett um und sah mich an. Sah mich mit ihrem mir wohlvertrauten Blick an. Als wäre es eine Überraschung, eine Art ewiges Geheimnis, dass ich einfach so hier mitten in ihrem Leben aufgetaucht war.

Man hätte meinen können, dass Dianas Tod auch das Aus für die Büßerreise nach Canterbury bedeutete. Aber drei Wochen nach der Trauerfeier, als ich die Urne mit ihrer Asche erhielt, lag dieser eine Notiz bei.

Wenn Du dies liest, hatte sie geschrieben, bin ich endlich und wahrhaftig tot. Aufgrund unserer Übereinkunft musst Du mich nun nach Canterbury bringen. Mach das, Che. Bring mich dorthin. Auch wenn Du viel zu tun hast. Vor allem, wenn Du viel zu tun hast. Für eine Heilung ist es nie zu spät.

Das war nun wirklich seltsam, selbst für jemanden wie Diana. Nicht nur wegen der albernen Anwaltsformulierung „aufgrund unserer Übereinkunft“, sondern auch wegen des letzten Satzes: „Für eine Heilung ist es nie zu spät.“ Denn war dein Körper erst einmal eingeäschert und in einer Urne verwahrt – die übrigens überraschend schwer war –, würde man doch davon ausgehen, dass jede Chance zur Genesung vertan war. Meine Mutter hatte die meiste Zeit ihres Lebens leicht benebelt verbracht – zuerst vom Cannabis, das sie zwischen den Apfelbäumen anbaute, später dann vom Morphium, das ihr die Nonnen zusammen mit einer Dauerinfusion Jesus verabreichten. Aber meiner Meinung nach dürfte nicht mal Diana geglaubt haben, dass es möglich sei, aus dem Grab wiedererweckt zu werden.

Die Urne hatte man mir an mein Büro geschickt. Ausgeliefert von UPS zusammen mit einer Kiste zwölf neuer Syrah-Weine, die ein aufstrebendes Weingut mir zur Verkostung und möglichen Besprechung geschickt hatte. Mein Newsletter Frauenweine geht monatlich an Tausende von Restaurants und Weinläden, und eine Erwähnung von mir kann für ein neues Label gute Absatzzahlen bedeuten, vor allem, wenn meine Bewertung positiv ausfällt. Was nur selten der Fall ist. Ich bin in der Branche für meinen anspruchsvollen Geschmack bekannt. Nur wenig findet Gnade bei mir, also zählt es tatsächlich etwas, wenn ein Wein meine Zustimmung findet.

Ich nahm die zwölf Flaschen aus ihrer Versandkiste und packte dann die Urne aus, wobei ich erstaunlicherweise Mühe hatte, sie aus der gut gepolsterten Schachtel zu holen, in der das Krematorium sie verpackt hatte. Ganz unten fand ich den Bildband über Canterbury, den ich Diana zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatte. Es war eins dieser großen quadratischen Exemplare für den Couchtisch, und sie hatte es kaum halten können. Ich saß neben ihr auf dem Krankenhausbett, das Buch quer über unsere Schenkel aufgeschlagen, und las ihr laut daraus vor wie einem Kind. Von den Wegen, die man dort gehen kann, und dass man von einem Priester – anglikanisch diesmal – gesegnet wird, wenn man die Kathedrale betritt, und er sich sogar niederkniet, um einem den Staub von den Schuhen zu wischen, der sich auf dem Pilgerweg angesammelt hat. Dieser Punkt hatte ihr gefallen. Das Buch listet eine ganze Reihe amtskirchlich bestätigter medizinischer Wunder auf und berichtet, dass die gewieften mittelalterlichen Mönche sofort, nachdem Becket ermordet worden war, sein Blut in der Gewissheit aufwischten, dass jeder Tropfen potentielle Zauberkraft besaß. Oder wenigstens potentiellen Profit versprach.

Zauberkraft, aus einem Mord gewonnen. Geld gewonnen aus beidem. Ich fand das seltsam, sogar abgründig, aber Diana hatte befriedigt genickt, als hätte sich endlich das letzte Puzzleteil zum Ganzen zusammengefügt.

Und jetzt sitze ich da. Blinzelnd, als wäre ich gerade erst aus einer Art Trance erwacht. Ich lehne mich in meinen Bürostuhl zurück und betrachte die auf meinem Tisch aufgereihten Gegenstände. Den Wein, die Urne, das Buch, die Notiz. Die Handschrift ist schwach und zittrig und kaum als die meiner Mutter zu erkennen, und ob es mir nun gefällt oder nicht, weiß ich doch, dass ich an mein Versprechen gebunden bin. Ich war immer ein Einzelkind und jetzt bin ich außerdem eine Waise, und für eigene Kinder ist es auch schon reichlich spät. Nicht, dass ich mir wirklich eins gewünscht hätte. An der Stoßstange meines Fiats steht auf einem Aufkleber: ICH BIN NICHT KINDERLOS, ICH BIN KINDERFREI, aber dennoch traf es mich härter als erwartet, mich plötzlich ganz allein auf der Welt wiederzufinden, jedenfalls was die Blutsverwandtschaft betraf.

Dianas Sterben hatte so lange gedauert, dass ich sicher war, mir den Trauerprozess danach erspart zu haben, weil ich all meine Trauer schon verausgabt hatte. Dabei hatte ich allerdings nicht berücksichtigt, dass es zwischen Gehen und Gegangen sein einen Unterschied gibt. Gehen bedeutet Aktivität. Mit dem Gehen sind Aufgaben verbunden – Ärzte und Sozialarbeiter müssen aufgesucht werden, darauf folgt die langwierige Suche nach einem freien Bett in einer anständigen Einrichtung, Anlagefonds müssen flüssiggemacht und Möbel eingelagert werden. Das Gehen erfordert viele Besuche, und manchmal überkommen einen dabei verräterische Gedanken. Wie etwa, dass es für alle besser wäre, wenn sie nicht mehr hier wäre, gefangen in ihrem Leid. Und du stellst dir vor, wie erleichtert du sein wirst, wenn dieser letzte Anruf kommt.

Das ist dann auch so, jedenfalls am Anfang. Aber nach etwa einer Woche kehrt das Leben zu dem zurück, was man allgemein Normalität nennt, und erst da wird dir klar, dass das Gehen leichter war, als das Gegangen sein. Und da erst stellst du dich dieser endgültigen schweigenden Leere, die den Kern jedes menschlichen Todes ausmacht, und es geht dabei nicht nur um die zusätzliche Zeit, die einem plötzlich am Tag bleibt und sich seltsamerweise nur schwer füllen lässt, sondern auch darum, dass man nicht weiß, wohin mit der seelischen Energie, die um den Raum kreist, den deine Mutter einst gefüllt hatte.

Und Diana füllte eine Menge Raum.



Download Leseprobe PDF



© der deutschsprachigen Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016


Kim Wright

Kim Wright schreibt für mehrere Lifestylemagazine über Wein, Restaurants und Reisen. Sie ist leidenschaftliche Tänzerin und lebt in Charlotte, North Carolina.

Reinlesen Buch kaufen